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    Zwetschgen und Revolutionen

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    Wer an den ersten Maitagen einen Spaziergang plant, macht mit einem Päusle um Kameralamtsgarten nichts falsch. Dort steht jetzt ein Museum. Oder vielmehr ein Museumle. Für eine Zwetschge. 

    Erbaut hat es der Künstler Daniel Bräg. Es ist eine der „Platzhalter“-Interventionen des Forum Kunst, mit denen der Kunstverein seit September 2022 Impulse in den öffentlichen Raum einbringt. Mit Blick auf die Landesgartenschau 2028 in Rottweil sollen damit eingespurte Denkmuster unterbrochen und Konzepte hinterfragt werden.

    Das kam nicht immer gut an. Etliche Autofahrer beispielsweise waren sauer über für ein paar Stunden gesperrte Straßen oder für Monate wegfallende Parkplätze. Dafür kann man Verständnis haben. Weniger vernehmbar waren allerdings andere, die froh waren, dass auch mal hinterfragt wird, wie Stadt künftig gestaltet werden und wer welchen Raum einnehmen soll.

    Die gute Nachricht: Über das „Museum für eine Zwetschge“ muss sich niemand aufregen. Jedenfalls, sofern kein spezielles Rumpelstilzchen-Gen Empörung für alles und jedes erzwingt. Denn die Intervention Daniel Brägs nimmt niemandem etwas weg. Schon gar keinem „heiligen Blechle“ einen Parkplatz.

    Still und unspektakulär steht das „Museum für eine Zwetschge“ im Kameralamtsgarten – übrigens einer schönen Ecke Rottweils, die meist wenig Aufmerksamkeit erfährt. Vorbei die Zeiten, als dort im Sommer sogar Theater gespielt wurde. Wie schade.

    Fein säuberlich hat der 1964 in Pfullendorf geborene Künstler die Teile eines im laubfreien Zustand gefällten Zwetschgenbaums aufgestapelt. Und umhüllt wird das Ganze, eins zu eins der Inszenierung als „Museum“ entsprechend, von einem Glashäuschen, oder eher eine Vitrine. Schnickschnack gibt es keinen. Alles kommt brav daher, mit konventionellem Satteldach.

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    Hölzchen und Stöckchen: Das „Museum für eine Zwetschge“ im Kameralamtsgarten. Foto: al

    Man kann das mit Humor nehmen. „Jesses – ein Holzstapel im Gewächshäusle“, mag sich bei dem Anblick zunächst denken, wer mit einem Holzherd in der Küche aufgewachsen ist. Oder vielleicht sogar noch weiß, dass Brennholz nicht säuberlich abgepackt herbeischwebt, sondern im Schweiße des Angesichts vorbereitet werden muss, wenn es im Winter in der Bude nicht kalt bleiben soll.

    Ist diese Inszenierung von „Holz vor der Hütte“ also reichlich abgehoben? Vielleicht gar spätrömisch dekadent? Oder ein Anthropozän-erleuchteter Fingerzeig, dass wir auch Baum und Busch als fühlende Mitwelt betrachten sollten? Diesen Bräg reichlich schräg zu finden, läge aus einer Alltags-Optik jedenfalls nahe.

    Es lohnt sich aber ein zweiter Blick. Dann kann man Brägs akkurat aufgereihten Zwetschgenbaum als makabre Inszenierung lesen, fast als Grablege. In einer Zeit, in der eigentlich alles grünt und blüht, ist das ein herber Kontrast zum frühlingshaft-beschwingten Drumherum. Hier wird aufgezeigt, nach welchem Muster Interaktion von Mensch und Natur eben oft verläuft: Nicht als Miteinander, sondern als rabiates Plattmachen durch den Menschen, der sich oft nicht als Teil der Natur versteht, sondern als deren Gebieter. Ein ziemlich großes Missverständnis. Und alles andere als lustig.

    Das „Museum für eine Zwetschge“ reiht sich zudem ein, in eine konsequente Linie, in der Daniel Bräg, der an der Münchner Kunsthochschule lehrt, das Mensch-Natur-Verhältnis beleuchtet. Wer sich damit befasst, findet viele kluge, poetische Denk-Impulse zum Thema Werden und Vergehen. Brägs Arbeit lässt sich lesen als Appell gegen alles Vorschnelle und Selbstgewisse. Als eine Einladung, die Mitwelt neu wahrzunehmen. Bevor die Kettensäge losjault und Lebendiges zum toten Museumsobjekt wird.

    Der „Zwetschgenfeldzug“ – eine bemerkenswerte Epidosode der Rottweiler Geschichte

    In Rottweil darf man bei Zwetschge übrigens immer auch an den „Zwetschgenfeldzug“ denken. Im Kontext des demokratischen Aufbruchs von 1848 holten Revolutionsbefürworter den Gaildorfer Fabrikanten Gottlieb Rau in die Stadt. Der proklamierte am 24. September 1848 vor etwa 4000 Zuhörern in der Oberen Hauptstraße die Republik und rief zum Zug nach Cannstatt auf. Auf dem dortigen Wasen sollte die Monarchie abgeschafft werden – Rau tourte regelrecht durchs Land, um dafür zu werben.

    Am folgenden Tag wollte man zur Tat schreiten: Hinter der roten Fahne der Republik zogen Rottweiler Jugendliche, die Bürgerwehr und das berittene Militär, verstärkt durch Bauern aus Frittlingen und Zepfenhan über Schömberg in Richtung Balingen.

    Doch bereits dort schreckten Raus Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück, der Zug brach zusammen. Möglicherweise weil viele Teilnehmer ihre Enttäuschung im Schnaps ertränkten oder auch weil zeitgleich die Zwetschgen reiften, erhielt die kurzlebige Freiheits-Unternehmung im Volksmund die Bezeichnung „Zwetschgenfeldzug“.

    Ein Museum dafür gibt es nicht. Aber womöglich lenkt das „Museum für eine Zwetschge“ die Aufmerksamkeit auch ein wenig auf diese bemerkenswerte Episode der Rottweiler Geschichte. Und vielleicht wird es ja auch noch was, mit einer Revolution im besten Sinne – mit einer, die Rottweil in eine gedeihliche Zukunft führt, in der alle ihren Platz haben, sogar Zwetschgenbäume.

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    Hölzchen und Stöckchen: Das „Museum für eine Zwetschge“ im Kameralamtsgarten. Foto: al

    Man kann das mit Humor nehmen. „Jesses – ein Holzstapel im Gewächshäusle“, mag sich bei dem Anblick zunächst denken, wer mit einem Holzherd in der Küche aufgewachsen ist. Oder vielleicht sogar noch weiß, dass Brennholz nicht säuberlich abgepackt herbeischwebt, sondern im Schweiße des Angesichts vorbereitet werden muss, wenn es im Winter in der Bude nicht kalt bleiben soll.

    Ist diese Inszenierung von „Holz vor der Hütte“ also reichlich abgehoben? Vielleicht gar spätrömisch dekadent? Oder ein Anthropozän-erleuchteter Fingerzeig, dass wir auch Baum und Busch als fühlende Mitwelt betrachten sollten? Diesen Bräg reichlich schräg zu finden, läge aus einer Alltags-Optik jedenfalls nahe.

    Es lohnt sich aber ein zweiter Blick. Dann kann man Brägs akkurat aufgereihten Zwetschgenbaum als makabre Inszenierung lesen, fast als Grablege. In einer Zeit, in der eigentlich alles grünt und blüht, ist das ein herber Kontrast zum frühlingshaft-beschwingten Drumherum. Hier wird aufgezeigt, nach welchem Muster Interaktion von Mensch und Natur eben oft verläuft: Nicht als Miteinander, sondern als rabiates Plattmachen durch den Menschen, der sich oft nicht als Teil der Natur versteht, sondern als deren Gebieter. Ein ziemlich großes Missverständnis. Und alles andere als lustig.

    Das „Museum für eine Zwetschge“ reiht sich zudem ein, in eine konsequente Linie, in der Daniel Bräg, der an der Münchner Kunsthochschule lehrt, das Mensch-Natur-Verhältnis beleuchtet. Wer sich damit befasst, findet viele kluge, poetische Denk-Impulse zum Thema Werden und Vergehen. Brägs Arbeit lässt sich lesen als Appell gegen alles Vorschnelle und Selbstgewisse. Als eine Einladung, die Mitwelt neu wahrzunehmen. Bevor die Kettensäge losjault und Lebendiges zum toten Museumsobjekt wird.

    Der „Zwetschgenfeldzug“ – eine bemerkenswerte Epidosode der Rottweiler Geschichte

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    Doch bereits dort schreckten Raus Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück, der Zug brach zusammen. Möglicherweise weil viele Teilnehmer ihre Enttäuschung im Schnaps ertränkten oder auch weil zeitgleich die Zwetschgen reiften, erhielt die kurzlebige Freiheits-Unternehmung im Volksmund die Bezeichnung „Zwetschgenfeldzug“.

    Ein Museum dafür gibt es nicht. Aber womöglich lenkt das „Museum für eine Zwetschge“ die Aufmerksamkeit auch ein wenig auf diese bemerkenswerte Episode der Rottweiler Geschichte. Und vielleicht wird es ja auch noch was, mit einer Revolution im besten Sinne – mit einer, die Rottweil in eine gedeihliche Zukunft führt, in der alle ihren Platz haben, sogar Zwetschgenbäume.

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