Kuppel über Rottweil
Aus einer Höhe von 500 Metern, wo Agathe Tutnichts-Zursache ihre Flugstunden nahm, leuchtete die Kleinstadt Rottweil am Neckar im Morgenlicht, als wäre sie gerade erst hergestellt und geschwind dahin verfrachtet worden. Autos rollten über den Friedrichsplatz, ein stetiger Strom, hin und her, ihre Windschutzscheiben schickten Sonnenblitze herauf. Der Turm reckte sich in den strahlend blauen Himmel. Das Flüsschen Neckar glitzerte im Licht, das Flugzeug folgte seinem Lauf in Richtung seiner Quelle. „Heidanei, was für ein schöner Tag“, rief Agathe ihrem Piloten zu. Sie hatten noch eine halbe Minute zu leben.
Am Boden zogen Dietbrecht Albert und seine Hündin Tequila vergnügt ihre Runden. Dietbrecht blieb stehen, um nach dem Flugzeug zu sehen. Die Hündin, eine Cane Corso Italiano, erkannte ihre Chance, den weiteren Weg zu bestimmen. Links ein Bäumchen, das toll duftete, rechts eine schöne Stelle zum Aalen und Wälzen. Danach würde sie sich nach einem leckeren … Weiter kam Tequila nicht mehr. Wuchtig prallte das Tier mit seiner Schnauze auf – was war das? Ein Eisengitter, aber unsichtbar? Eine Betonwand, aber aus Luft? Und noch während sie zu begreifen versuchte, wurden ihre Gedanken von einem überraschten „Uff“ ihres Halt suchenden Herrchens unterbrochen. Er war anscheinend auch gegen etwas geprallt. Etwas, das nicht roch, das nicht aussah, das aber da war.
Über den beiden tat es etwa zur gleichen Zeit einen Knall. Einen massiven Schlag, der Tequila zusammenzucken und instinktiv die Flucht ergreifen ließ. Wieder prallte sie gegen … dieses Etwas vor ihr. Und dann regnete es Flugzeugteile.
Natürlich berichteten Cironne Toot („Schock in Rottweil!“, „Schreck!“, „Ärger!“) und Pater Ernegger, Rottweils Karla und Karlo Kolumna, ausführlich über dieses Ereignis und alle weiteren, die in den folgenden Tagen und Wochen geschahen. Daher lassen sie sich hier zusammenfassen: Ab jenem schönen Tag im frühen Februar 2025 prallten nicht nur die Hündin Tequila, ihr Herrchen Dietbrecht und das neben Agathe mit einem Piloten besetzte Flugzeug gegen eine unsichtbare, vermeintlich vollkommen undurchdringliche Wand. Es prallten Autos gegen sie, Laster, Fahrräder, alles was fuhr, es prallten Kugeln ab, auch jene der Bürgerwehr, abgefeuert aus mächtigen Kanonen. Die Wand wies alles ab. Kein Dunninger kam mehr nach Rottweil hinein, kein Balinger, niemand aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Es traf einpendelnde Schulkinder ebenso wie Behördenbeschäftigte, Testturm-Touristen aus China ebenso wie Bauarbeiter mit dem Ziel Bockshof oder Berner Feld. Und weiß Gott, sie haben alle versucht, die Wand zu durchbrechen. Aber es war kein Hinaus- und Hineinkommen.
Anfangs gefiel das den Rottweiler Bürgerinnen und Bürgern. Diese Ruhe in der kleinen Stadt. Das Glitzern des Neckars vor der mittelalterlichen Kulisse, ganz für die Einwohner alleine. Freie Straßen, Platz im einzigen Café, das in jenen Tagen geöffnet hatte. Und während der folgenden Fasnet: ein jeder Sprung einer von Rottweilern für Rottweiler. Nicht nur am Fasnetsdienstagmorgen. Einige wähnten sich im Paradies. Bis die Lebensmittel knapp wurden und Weinhändler Macheil Mrigg verkündete: „Mein Keller ist leergesoffen. Es gibt keinen Wein mehr.“
Der Autor Thamos B. Creuer war es, der, vielleicht ohne es selbst zu ahnen, den Grund für das Erscheinen der Wand herausfand. Oder jedenfalls den entscheidenden Anstoß für die Lösung des Problems gab, als das die von der übrigen Welt abgeschnittenen Menschen in Rottweil es allmählich zu begreifen begannen. Bei einer seiner Stubenlesungen erzählte der Autor eine Anekdoten aus alten Tagen seinem aufmerksam lauschenden Publikum. Und so berichtete er von seiner Entdeckung, dass ein jeder Landkreis in der Gegend, egal ob Freudenstadt, Zollernalb oder Schwarzwald-Baar, die Autofahrer beim Überqueren der Kreisgrenze willkommen hieß. Nicht jedoch Rottweil. Kein Willkommensgruß, kein „Grüß Gott“ für die Besucher beim Einfahren. „Es kommen doch ohnehin schon genug“, entfuhr es daraufhin einer älteren Dame in Creuers Publikum, von einem Auflachen begleitet.
Das ließ Bortheld Getränkle, Gastgeber jener Stubenlesung, tun, was er schon lange gerne tut und worin er geübt ist: nachdenken. Der Mann kam intensiv ins Grübeln, ob darin nicht der Grund für die plötzlich erschienene Wand ausgerechnet rund um Rottweil zu suchen sei – in der freundlichen, aber bestimmten Abneigung der Bewohner anderen Menschen gegenüber, die keine gebürtigen Rottweiler sind, und nach 18 Uhr abends immer noch in der Stadt. Eine Haltung, die einst Frau Greißer, engagierte Servicekraft im leider untergegangenen „Sternen“, so auf den Punkt brachte: „Ganget au mol hoim, hend ihr koi Bett dahoim, ’s isch älles bloß a Weile scheh!“
Die Wand hatte sich inzwischen als eine Kuppel über Rottweil herausgestellt. Es waren längst alle Versuche gescheitert, sie etwa mit einem Sprung vom Testturm zu überwinden, selbst die fittesten Federahannes schafften das nicht, nicht einmal, wenn sie in Feuerwehr-Einsatzkleidung und mit Pressluftatmern bestückt Anlauf nahmen vom Erdboden weg, die Treppen hinauf. Auch Silvesterraketen, die abzufeuern die Rottweiler Stadtverwaltung ausnahmsweise und für ein kleines Zeitfenster erlaubte, prallten ab. Nirgendwo fand sich eine Lücke.
Bortheld Getränkle ließ das nicht ruhen. Er versammelte Mitstreiterinnen und Mitstreiter um sich, etwa Elka Rechenbeich, Vare Nadermonn-Wielf, Jahonna Knuas, Ronja Saijsp und Dr. Thamos Schub. Gemeinsam mobilisierten sie die „Omas for Weitsicht“, das Aktionsbündnis „Rottweil bleibt bunt und weltoffen“, das THW, die SPD, die FDP und Amnesty International, bildeten eine „Bürgerinitiative gegen Rechts und gegen unsichtbare Kuppeln“ und organisierten eine tägliche Menschenkette in der Oberen Hauptstraße, begleitet von Klepfern. Unter den Rottweiler Bürgern machte sich zu der Zeit bereits Hunger breit.
Die Leute von der Bürgerini diskutierten, sinnierten, forschten unverdrossen weiter. Sie fanden schließlich heraus, was die Kuppel wirklich ist: Sie wurde ganz offensichtlich von Wesen jenseits unserer Dimension geschaffen und diente diesen zur Unterhaltung – die Einwohner von Rottweil waren für sie, was Ameisen für Kinder sind. Man kann sie fröhlich quälen. Und waren es nicht die Rottweiler selbst, die so gerne unter sich bleiben wollten? Als Bortheld das begriffen hatte, versuchte er, zu diesen Wesen Kontakt aufzunehmen. Es gelang ihm schließlich, zu vermitteln, dass sie denkende und fühlende Geschöpfe sind, liebevolle Menschen, die andere willkommen heißen. Daraufhin wurde die Kuppel von den unbegreiflichen Mächten wieder beseitigt. Sie verschwand in einer schwarz-gelben Box. Einfach so.
In der Nachbereitung der Ereignisse, das sollte noch erwähnt werden, meldete sich eine Minika Schmodt zu Wort. Sie ist die Leiterin der Rottweiler Stadtbibliothek, etwa zuständig für Fragen zur Planung, Organisation, Verwaltung und alles andere. Und sie weiß natürlich, wo die besten Geschichten stehen. Wie sich herausstellte, hätte Rottweil viel Zeit und Hirnschmalz sparen können, wenn die Leute zu ihr in die Bücherei gekommen wären und sich die einschlägige Literatur besorgt hätten – mit Bibliotheksausweis jederzeit zu den Öffnungszeiten möglich. Es gebe mehrere Vorlagen für die Geschichte. Die wohl bekannteste von ihnen, so die Bibliothekarin, sei unter „K“ wie King zu finden. Steven King.